Zivilcourage / Was Theaterspielen bringt

Zivilcourage

Franca Magnani, die italienische Journalistin und Korrespondentin für das deutsche Fernsehen, meinte einst: „Je mehr Bürger mit Zivilcourage ein Land hat, desto weniger Helden wird es einmal brauchen.“ 

Es gibt eine Verbindung zwischen kleinen alltäglichen Formen des Widerstandes und jenen großen hehren, heroischen. Der Rechtsphilosoph Arthur Kaufmann bezeichnete die Zivilcourage als „Widerstand der kleinen Münze“. Er plädierte:

Man unterschätze nicht die Bedeutung solchen kleinen Widerstandes. Dieser kleine Widerstand muss beständig geleistet werden, damit nicht eines Tages wieder der große Widerstand erforderlich wird.  Dieser große Widerstand erfordert große Opfer, er kostet möglicherweise das Leben. Der kleine Widerstand, also der Widerstand, der in der Demokratie möglich und notwendig ist, der kostet Mut und Zivilcourage. Aber auch das ist, wie man täglich erfährt, gar nicht so wenig. Die Möglichkeiten solcher Akte des Neinsagens sind Legion: Misstrauen gegenüber den Mächtigen; Mut zu offener Kritik; Neinsagen zum Unrecht, auch und gerade, wenn es „von oben“ kommt; die Weigerung, von Diskriminierungen zu profitieren, auch wenn man sich so Sympathien verscherzt. Wer all dies gering achtet, der möge überlegen, ob sich das nationalsozialistische Unrechtsregime so fest hätte etablieren können, wenn eine Mehrheit des Volkes rechtzeitig den erforderlichen Bürgermut aufgebracht hätte.“ (Seiten 23, 24)

Aus DER EWIGE WIDERSTAND, Über einen strittigen Begriff,  Doron Rabinovici, Bibliothek der Unruhe und des Bewahrens, Band 15, STYRIA Verlag

 

Was Theaterspielen bringt

Es ist meine Erfahrung, dass die Theaterarbeit in der Methode des Theaters der Unterdrückten sich in der fruchtbaren Spannung zwischen Selbsterfahrung und politischer Aktion bewegt. Ich erlebe, dass diese Theaterform befreiend und solidarisch wirkt. Daher habe ich mich vor langer Zeit dafür interessiert, sie geübt und eingesetzt. 

Schließlich und nicht zuletzt: Ich spiel gern Theater. Es ist die Lust, sich auszuprobieren, sich hineinzudenken und Ausdruck zu finden, es ist die gute Möglichkeit, gemeinsam mit anderen eine Szene zu machen.

Ich erfahre es als wirksame Methode, wenn durch das Spiel Rollen, und Strukturen sichtbar werden, so ang’schaut geht einem plötzlich auf, warum manche Dinge schief laufen.

Übungen und Techniken lassen außerdem die Menschen mutiger, selbstbewusster werden, ja sie wachsen, sie werden größer und stärker, wachsam und feinfühlig. Da werden einem sinnenfällig Wurzeln bewusst, da wird möglich, sich auszustrecken und nach oben zu wachsen, da wächst einem eine Gruppe zu, frau/man ist nicht allein auf der Erde, da darf ausprobiert werden, Krallen einzusetzen, sich alle Zeit zu nehmen und auf der Bühne die Zeit zu bestimmen. Übungen lassen mehr von sich verstehen, der Umgang mit dem Umfeld kann ausprobiert werden, Konflikte gezeigt und bearbeitet werden, Fehleinschätzungen und Verausgabungen können sich verringern, weil Raum zum Üben gegeben ist.

Ich trete gern mit der Gruppe öffentlich auf. Es ist anstrengend, aufregend und wunderbar, wenn wir ins Gespräch kommen, wenn Leute aus dem Publikum in die Szenen einsteigen, wenn beim Kabarett Erkennen und Betroffenheiten in Lachen, Stille, Klatschen und selbst im heftigen Widerspruch spürbar werden. Es ist ein gutes Mittel, Partei zu ergreifen. Das nährt die Motivation und die Lust, theaterpädagogisch Menschen zu begleiten.

Elisabeth Schatz, März 2006

Aus AUFBAU UND BEGLEITUNG EINER THEATERGRUPPE im Betriebsseelsorgerzentrum Treffpunkt Am Puls GRUPPE WACHSEN LASSEN „HIER SPIELT JEDE/R EINE ROLLE“

Praxisprojekt-Beschreibung im Rahmen des Lehrganges "Theaterspielen zwischen Selbsterfahrung und politischer Aktion" 2004-2006, Elisabeth Schatz

 
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